Björn_in_Shanghai

12Sept
2011

Ich verlasse Shanghai !!!

Ich blicke zurück auf eine sehr aufregende, gar nicht allzulang erscheinende erste Woche in meinem neuen Job, fernab von Sicherheitsschuhen und Meterstäben. Meine schicken Schuhe erweisen sich als angenehme Begleiter selbst bei längeren Büroaufenthalten und es fällt mir gar nicht schwer mich an das Tragen von Hemden zu gewöhnen. Erste Etappe erfolgreich gemeistert. Gut der Junge!

Tschakaa!!!!

Ich erarbeite Kennzahlen und bastel fleißig an Exceltabellen herum. Früher hab ich mich immer gefragt was die Kerle den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen und rumklicken. Als Schreiner aus der "ich muss da mal dran" und "ui - wer ist denn da"-Perspektive macht man sich noch kein Bild davon, wie arbeitsintensiv ein nicht-produktives Geschäft sein kann. Aber gleich in der ersten Woche heisst es: Disziplin beweisen. Die Kollegen verlassen der Reihe nach das Büro. Einige sind auf Tour, ein weiterer hat Kurzurlaub, der nächste merkt dass es leerer wird im Büro und auch ich lasse mich bloß auf einen Tag allein im Büro ein, wonach ich dann auch bereits angefangen habe von zu Hause aus zu arbeiten. Hier heisst es: Disziplin beweisen. Kaffee Flatrates sind verlockend, doch Durchhaltevermögen vor dem Rechner soll bewiesen werden. Wer den einen Fuß quasi im Feierabend hat, hängt bereits mit dem anderen Fuß 2 Wochen im Rückstand. Das soll natürlich nicht passieren!

Was also ist zu tun, wenn der Kopf nicht mehr das tut, was er soll? Normalerweise ist dann der Beistand zweiier Freunde gefragt, die eben bereits den ganzen Tag vor der Türe stehen und dringend ausgeführt werden wollen. Doch mit Laufen in der Innenstadt konnte ich mich bisher noch nicht so richtig anfreunden. Also verfalle ich in alte Verhaltensmuster und beschreite eine Zeitreise ca 1/2 Jahrzehnt zurück ins Fitnessstudio. Es ist alles vorhanden und meine Kreativität beschert mir ein Training wie ich es lange nicht hatte. 15min laufen, 60min pumpen, 15 min schwimmen. Super - was ein Tag. Und? Kann ich jetzt weiterarbeiten? - NIX! Ich hab hunger und bin müde. Verdammt - Ich hasse es wenn ein Plan nicht funktioniert. Geschickt wie ich bin, habe ich mir Aufbrühnudeln aus dem Westler-Laden besorgt. Dauern ca 2 Minuten bis sie fertig sind, jedoch 200 Minuten bis man alle Nudeln mit den Stäbchen aus der Brühe hinterher wieder rausgezogen hat. Wird schon!

Laufen über Shanghai Schwimmen über Shanghai Schwimmen über Shanghai2

Inzwischen ist es Freitag abend. Der Kollege aus dem Chinesischkurs von der Hochschule ist bereits unterwegs im Überlandbus nach Shanghai und ich freue mich darauf mal etwas vom Shanghaier Nachtleben mitzubekommen, nachdem ich ja letztes Wochenende 1320 Stufen rauf und runtergelatscht bin. Es verschlägt und in die Hengshan Liu (Straße). Jeder Westler, der bereits in Shanghai war, kennt diese Straße. Es geht um Killer, Koks und Nutten, genau wie in Deutschland. Allerdings gibts weniger Killer, aber dafür mehr Nutten, meint man zumindest. Tatsache - es gibt hübsche chinesische Mädchen. Dessen werde ich mir dieses nachts bewusst. Und ja, die Westler werden von den Chinesen verarscht. Dessen werde ich mir erst des nächsten morgens bewusst. Es funktioniert so: Der Westler wird in den Club gelotst. Am Eintritt zahlt er 100Yuan (10Euro) und bekommt ein "Freitrinken" offeriert. Skeptisch wie ich bin, hinterfrage ich 1000mal und löse das Rätsel nicht. Am nächsten morgen wird mir alles klar: Der Chinese hat seine 20 Mädels dabei und flackt schön Gigolomäßig auf den gepolsterten Coaches neben seinen Uschis, die eigentlich nicht wirklich viel anhaben. Er sitzt in mitten des Partyraumes, indem die Musik deutlich zu laut erklingt und erfreut sich der Veranstaltung. Was ist die Veranstaltung? Die Veranstaltung ist, dass die Westler zwar nen Freitrinkenschein haben, dass jedoch die einzige Bar die die Freidrinks ausschenkt, draußen im Vorraum ist und dass dort bloß ein Bar-boy steht, der nix kann! Der Laden ist voller Westler, was einen immensen Ansturm auf die Theke nicht ausschließt, nein - eigentlich eher unmöglich macht, an etwas zu Trinken zu kommen, was manchen Westler doch wieder an die Standardbar treibt, wo überteuerte Preise warten. Und der Sofachinese macht sich sauber drüber lustig. Aber naja, wenn das Bier extrem scheisse ist, und es sonst nur Schnaps gibt, dann findet das wirklich jeder Bargast witzig, auch der betrunkene Westler, der wie blöd den Asiamädels hinterherdackelt, die ihn wiederum abwimmeln weil er ja zu krass betrunken ist - hartes Schicksal!

Shanghai Partymädel Zwei Rosenheimer im Osten Östliche Animierversuche

Der nächste Tag ist ein kurzer! - Er startet um 3, beschert eine günstige, spärliche Portion "Was auch immer" und lädt mich wieder dazu ein, mich mit Fakemarketverkäuferinnen zu prügeln. Ich werde besser! Im Weiteren Verlauf hat er einen Besuch in einer American Bar und ein Tiger 0,4liter Bier für mich übrig. - Gute Nacht. Oh halt, ich hab vergessen, dass er mir noch auf dem Weg, ein wahnsinniges chinesisches Spektakel offerierte, das alte chinesische Muttis bei ihrer Allabendlichen Park-Tanz-Therapie-Synchron-Orgie zeigt. Merkwürdig, aber überwältigend.

Ost-Interpretation von Michael Jackson´s

Der Sonntag ist ein harter! Meine gestern zu teuer erstandenen Krawatten sollen fachgerecht an meinem Hals montiert werden. Jup, läuft. Eine Sightseeingtour der Extraklasse ist geplant, wohingegen Extraklasse immer eine Frage der Definition ist, aber ich bin ja nicht nach China geflogen um mich nicht umwerfen zu lassen.

Das Motto des heutigen Tages lautet: Schicksal! Dies musste auch die kleine Maus erleben, die wohl zur falschen Zeit am falschen Ort war und vom Schicksal eben etwas zu heftig überwältigt wurde als ihr lieb ist. So gings uns später auch. Der Onkel des Kollegen führte uns durch ein chinesisches Viertel. Seine gewohnte shanghaiisch-chinesische Dreistigkeit, die ernüchternde Einblicke in das tatsächliche Shanghai verleihen mag, bescherte mir die Erinnerung daran, dass ich tatsächlich ein Extremes Schamgefühl empfinden kann. Ich verlasse Shanghai. Oder auch nicht. Wir steigen durch ein Gitter und begeben uns in das, was in unser Aller Vorstellung "Slum" genannt wird. Hier hört der lustige Teil auf!

Sieht autentisch aus!

Verarmte Famlien wohnen eng zusammengefercht in stinkenden Gassen. Wir gehen praktisch direkt durch ihre Wohnzimmer und fangen uns fragende Blicke ein. Die Frauen waschen die Wäsche mit Bürsten und Seife von Hand in Waschbütten, überall hängt Wäsche. Immerwieder erwischt uns eine Wolke unwohlriechenden Etwas. Ein Ghetto, aus dessen Labyrinth man kaum herausfindet obwohl man rauswill. Ich wehre mich, bin jedoch hinterher sehr froh gesehen haben zu dürfen, was eben die Kehrseite der Medaille bedeutet. Diese so pompös wirkende Stadt mit ihren neuen Bauten und dem glamourösen Erscheinungsbild, ist scheinbar genauso glaubwürdig wie das aufgebretzelte Mädel, das uns entgegenkommt. Hinter ihrer Fassade aus einem kurzen Rock und Schminke verbirgt sich offenbar ein Leben, das sich wahrscheinlich Niemand wünscht. True or False? - Who knows?

Straßenverkehr Armengasse

Um diese Viertel herum befinden sich die kleinen, unzähligen Shops der Familien. Sie reparieren Roller, massieren Füße, schneiden Hare, verkaufen Tiere, kochen Essen, betreiben Kioske. Welcome to Shanghai.

Essensshop Tiermarkt Rollerwerkstatt unzählige Shops Shop

Ein paar Ecken weiter werden wir selbst ungewollt zu Lebensmittelkontrolleuren. Es ist ein Markt für Meereskram. Ja, es stinkt, aber das ist in Hamburg nicht anders. Allerding: Ich schau in das Gesicht eines Fisches. Er liegt aufrecht vor mir auf einem Tablett. Seine Kiemen bewegen sich und bemerke Lebenszeichen. Nun bewegt sich auch das große Maul und schnappt nach Wasser. Wasser gibt es jedoch keins, denn das Tablett auf dem er liegt ist das der Metzgerin, die bereits von hinten angefangen hat den Fisch in ca 3cm breite Scheiben zu zerschneiden. Diese Scheiben liegen neben dem Fisch. Er kann sie sehen. Ein weiteres tragisches Schicksal. Es ist dreckig, wir treffen einen umherliegenden Hund und um die Ecke, im selben Laden verkauft eine Familie handgearbeitete genähte Waren. Portemonaits, Mäppchen.... Nette Umgebund oder?

Mahlzeit! Not yet spicy Kurz vor der Freiheit Kurz vor der Freiheit 2

Schluss damit! Wir fahren was Essen! - Naja, ein Brot, ich könnt eigentlich eher kotzen, aber irgendwas muss ja mal rein. Danach beschaue ich noch den zukünftigen Reiserucksack, eine fitte Jacke und Wanderschuhe für die hoffentlich bald startenden Wochenende - Überlandbus - Chinaerkundungen und die im Oktober geklante Fahrradtour um den Tai-Lake nahe Suzhou.

Wir holen noch einen Kollegen ab und gehen was Richtiges Essen. Der Spicey Frog steht auf der Speisekarte und nun wollen wir doch mal sehen, was der so kann. Grad eben noch durften wir einen seiner Kollegen im Käfig betrachten, nun sitzt der Artgenosse schon auf dem Teller und wird mit Mühe und Not mit Stäbchen gehalten. Glitschig, knorpelig und knöchern, jedoch sehr lecker. Wir fragen uns ob es wirklich Frosch war, oder ob uns China wiedermal verarscht hat.

Spicy Frog Fußgängerzonenambiente

Zum Ausklang des Abends gibt es ein Bierchen auf der Dachterasse einer Kirche. Hier oben im Kathleen5 präsentiert sich uns im 5. Stock schon ein fabelhafter Blick über die innerste Innenstadt von Shanghai. Friede, Freude, Eierkuchen. So haben wir den Tag nicht erlebt, aber so endet er. Keine Sorge, ich verlasse Shanghai nicht wirklich, aber ein Blick über den Tellerrand bietet immerwieder Blicke, die einen nachdenklich werden lassen, wie gut man es doch hat.

Gruß aus Shanghai

Björn